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Rettungsdrama im Mittelmeer

People | 27.10.2015 - 13:14:43

Sie haben alles richtig gemacht – und dennoch ihr Schiff im Sturm vor Sardinien verloren. Zumindest ihr Leben konnten Gabriele Graf und Johannes Schuster retten, dank eines dramatischen Einsatzes der Guardia Costieria.

 

 

Johannes Schuster und Gabriele Graf sind erfahrene und gewissenhafte Segler. Sie holen vor jedem Törn den Wetterbericht und bereiten ihre Reisen minutiös vor. Sie sind Eigner der Segelyacht „For us“, einer Bavaria 38, Baujahr 2003, von den beiden toll ausgestattet. Wie z.B. 500 W-Solaranlage, vier Verbraucherbatterien, 2000-W Inverter (Kaffeemaschine!), elektr. Hauptwinsch u. v. Mehr.

Am 30. September 2015 starteten sie mittags aus Cagliari, um nach Menorca zu segeln. Doch lassen wir am Besten Bordfrau Gabriele Graf in ihren eigenen Worten die dramatischen Ereignisse schildern:

Wir wurden am 1. Oktober 2015 gegen 19.00 Uhjr von unserer Segelyacht „For us“ aus Seenot gerettet. Hannes und ich tags zuvor mittags aus Cagliari losgefahren und wollten nach Menorca segeln. Der eingeholte Wetterbericht über Computer zyGrip versprach uns günstige Winde.

Entgegen der Wettervorhersage entwickelte sich aber an unserem zweiten Segeltag ein Zyklon.

Es war fürchterlich.

Die Wellen wurden immer höher und höher und der Wind wurde zum Sturm

60 sm von der Küste entfernt, beschlossen wir nach Sardinien, Oristano, umzukehren.

Da das ganz klein gesetzte Vorsegel gegen den Wind keine Wirkung hatte, wollten wir es ganz wegrollen. Dabei riss die Reffleine und das Segel rauschte unkontrolliert aus. Bei dem Sturm schlug es wild um sich und wurde zerfetzt.

15 sm vor Oristano kamen uns jetzt Sturm (ca. 55-62 kn) und Wellen entgegen und wir mussten schon wieder den Kurs wechseln, um den Wind von hinten zu haben. Wir waren nicht mehr in der Lage, einen kontrollierten Kurs, inzwischen auf Carloforte, zu fahren. Es war beängstigend. Acht m hohe Wellen, so hoch wie 2,5 Stockwerke, peitschten die See auf.

Da Gefahr für Leben und Schiff bestand, wollte ich den Mayday-Ruf absetzen, während Hannes mit dem Steuerrad kämpfte. Da ich inzwischen die „Orientierung“ verloren hatte, glaubte ich, außer „Funkbereich“ zu sein und wollte das Satellitentelefon benutzen. Aber wie sollte ich das Gerät nach Osten drehen? Wir wurden ja hin- und hergeschleudert. Ich bekam einfach nie die drei Balken, die für den Rufaufbau nötig waren. Also versuchte ich es doch per Funk und wirklich erreichte ich auf Kanal 16 noch die Küstenwache. Mayday, Mayday, Mayday, here is FOR US, FOR US, FOR US …. Die Positionsbestimmung gestaltete sich äußerst schwierig! 1 Hand zum Festhalten, ! Hand fürs Funkgerät, ! Hand fürs Handy, um die Position abzulesen ... Ich blieb, so gut es bei der Schleuderei des Schiffes ging, mit der Guarda Costieria in Funkkontakt. Ich bin den Männern am Funk so dankbar. Sie versuchten mich zu beruhigen. Immer wieder wurde ich durchs Schiff geschleudert – immer wieder gab ich unsere Position bekannt.

Nach dem ersten Notruf wurde ich plötzlich ganz ruhig und hatte die Nerven, unseren Drysack zu packen. Hannes Handtasche mit Notfallmedikamenten, Geld, Kreditkarten und Pass. Ich gelangte sogar in die Bugkabine und klammerte mich fest, um meinen Tresor zu öffnen. Als mir aber die Stahltür fast ins Gesicht prallte, ließ ich los und wurde durch die Kabine geschleudert. Ich brach mir die Rippe an dem inzwischen aufgegangenen Schrank. Bei dem Orkan und bis zu 16 kn Fahrt durchs Wassen waren so einige Türen aufgesprungen. Ich suchte dann meinen Paß, meine Kreditkarten und mein Geld für die gesamte Reise auf dem Fußboden zusammen. Sogar an Ersatzkleidung für Hannes und mich dachte ich … nur nicht an Unterwäsche und ein zweites Paar Schuhe (wurde uns später im Krankenhaus geschenkt !).

Wir wussten, dass es bis zur Rettung 45 Min dauern würde. Diese 45 Min waren eine gefühlte Ewigkeit. Die Gedanken, die wir hatten sind unbeschreiblich – Hoffnung, Angst und die Gewissheit gleich das Schiff zu verlieren. Wir würden, vielleicht, gerettet werden, aber unser Schiff nicht. Dann hörte ich „We can see you“, aber wir sahen draußen nichts (Sichtweite ca. 200 m) eine gefühlte Hölle. Endlich tauchte das Rettungsschiff schemenhaft vor uns auf! Die Männer versuchten bei uns längs zu gehen, aber die hohen Wellen trieben uns immer wieder ab. Hannes war großartig, er kämpfte wie ein Löwe am Steuerrad, aber wir kamen einfach nicht auf gleiche Höhe. Die Männer des Rettungsteams leisteten wirklich ihr Maximum, noch ein Versuch – noch eine Ansteuerung und es ging und ging nicht. Ich kroch auch Knien auf die Backbordseite und dann konnten sie mich erwischen und auf das Rettungsschiff heben.

Die Rettung des Skippers (Hannes) gestaltete sich noch schwieriger, da unser Schiff ja jetzt führerlos war. Die Männer der Guarda Costiera versuchten immer und immer wieder ganz nah an unser Schiff zu kommen. Und dann - ja, sie schafften es einen kurzen Augenblick auf gleicher Höhe und parallel zu sein und Hannes sprang. Unglaublich, er prallte auf den Wulst des Rettungsbootes und brach sich eine Rippe, aber die Männer der Guarda Costiera konnten auch ihn retten.

Im Schiff umarmten wir uns alle, einige hatten Tränen in den Augen und wir sahen, dass die Männer mit uns fühlten und tief erleichtert waren. Diese Emotionen sind einfach nicht zu beschreiben.

Unser Schiff konnte nicht gerettet werden und trieb ab. Man versprach uns aber spätere Hilfe.

Wichtig war unser Leben. In Oristano angekommen, hatten die Männer der Guarda Costieria schon einen Krankenwagen organisiert. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass wir beide einen Rippenbruch hatten.

Am nächsten Tag wurde unser Schiff gefunden. Es war in Porto Magi auf einen Felsen geschleudert worden.

Und wieder waren Second Captain Guiseppe Siragusa und seine Männer so unglaublich hilfsbereit und sehr, sehr um uns besorgt. Nach drei Stunden Protokoll beim Hafenmeister fuhren sie uns zu unserem Schiff. Und nicht nur das. Sie halfen in ihrer Freizeit stundenlang dem Bergeunternehmen. Wir konnten sehen, dass Ihnen das gestrandete Schiff genauso naheging wie uns. Die Männer bauten eine Rutsche aus Holz vom Felsen ins Wasser. Stunde um Stunde arbeiteten sie und gaben wirklich ihr Maximum.

Am Abend brachten sie mich noch einmal ins Hospital. Wirklich unglaublich, wie sehr sie uns halfen.

An nächsten Tag holten sie uns wieder vom Hotel ab und fuhren uns zum Schiff. Die Männer der Guarda Costieria arbeiteten wieder den ganzen Tag. Wir können nur sagen: Sie gaben uns Hilfe ohne Ende und waren unbeschreiblich freundlich und mitfühlend. Ein ganz besonderes Team, die Männer der Guarda Costieria

1.100 Dank an das Tem: Second Captain: Guiseppe Siragusa. Captain: Paolo. Director of Engine: Angelo. Motorist of Engine: Gianluca Giovanni

Vollkasko versichert war die Yacht bei Pantaenius. Johannes Schuster berichtet: „Am 2. Tag nach der Strandung war der Sachverständige der Versicherung bereits vor Ort und koordinierte die Bergungsarbeiten. Als das Schiff noch auf dem Felsen dort lag, wie es angeschwemmt wurde, war noch kein Leck zu sehen, es war auch fast kein Wasser im Schiff und so konnten wir einige wichtige Sachen vom Schiff holen. Wie z.B Gabys Computer, auf dem die am Vortag eingeholte Wettervorhersage abgespeichert war. Diese hatte ja für uns günstige Winde bis vor Menorka vorhergesagt. Von einem Zyklon war nichts zu sehen – sonst wären wir ja nicht ausgelaufen!

In der ersten Nacht wurden vom Schiff bereits mein Computer, Filmkamera, Tiefkühltruhe und das eingebaute Radio gestohlen. Der Sachverständige hat uns täglich informiert. Das Bergeunternehmen hat meiner Meinung dilettantisch gearbeitet. Erst beim Herunterziehen des Schiffes vom Felsen brach der Kiel, das Schiff schlug Leck und die Rumpf-Decksverbindung brach auch erst jetzt. Damit war es ein Totalschaden.“


 


 


 

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Name Text
Hans-Uwe Reckefuß eMail

Wetterbericht zyGrib

... toller Artikel. Da ich zu der Zeit ebenfalls im Mittelmeer von Sardinien nach Menorca gefahren bin, kann ich Ihnen gerne mal den "Wetterbericht von zyGrip" mit den günstigen Winden übersenden.

Sie dürfen sich dann gerne ein eigenes Bild zu der Wetterlage machen. Hilfsweise sende ich Ihnen auch gerne die Wettervorhersagen von Meteo-France.

Jedenfalls sind wir zu dem Zeitpunkt - bewußt NICHT - gefahren!

H.-U. Reckefuß SY Jan Wellem

Kommentar melden | 04.11.2015 - 10:42:43

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