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Interview mit MSVÖ-Prüfungsreferent Harald Melwisch

People | 20.10.2016 - 12:58:41

Einheitliche Prüfungsordnung oder Prüfungs-Unordnung? OCEAN7 im Interview mit DI Harald Melwisch – langjähriger Prüfungsreferent des MSVÖ und Präsident des King Yachting Clubs – über die vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie angestrebte Schiffsführerprüfungsreform.

 

OCEAN7: Herr Melwisch, was waren Ihre ersten Gedanken, als sie von der Ziel­­setzung des Ministeriums hörten?
H. Melwisch: Ich war begeistert. Mir schien es damals so, dass das Verkehrsministerium seinen Auftrag verstanden hatte und der „Bootsführerscheintourismus“, der für Österreich ein Problem darstellt, endlich eingedämmt werden würde.

Was ist dann geschehen?
Es wurde zwar eine einheitliche Prüfungsverordnung verabschiedet, aber die Anforderungen sowohl an die Prüflinge als auch an die Prüfer wurden dabei so stark angehoben, wie es in keinem anderen Land der Fall ist. Mit dieser Verordnung werden österreichische Wassersportler geradezu aufgefordert, ihre Scheine im benachbarten Ausland zu machen.

Können Sie unseren Lesern vielleicht ein oder zwei Beispiele nennen?
Für eine Prüfung zum österreichischen International Certificate für Motor- und Segelboote müssen zwei Praxisprüfungen abgelegt werden – eine auf einem Motorboot, eine auf einem Segelboot. Dabei müssen 71 von 71 möglichen Punkten geprüft werden (!). Bis 2015 war es üblich, so wie in anderen Ländern auch, dass Motorbootmanöver auf einem Segelboot unter Motor geprüft werden, was die Prüfung wesentlich vereinfacht. Dagegen dürfen in Deutschland z. B. für den SKS für Motor- und Segelboote (inklusive International Certificate) Motorbootmanöver auf einem Segelboot unter Motor geprüft werden, es werden 13 Punkte von 25 möglichen geprüft.

Österreich hat höhere Anforderungen als Deutschland?
Ja, unglaublich, aber wahr. So müssen beispielsweise bei uns die Prüflinge für den Fahrtenbereich 2 nun auch nicht mehr wie früher 500 sm nachweisen, sondern 500 sm auf einem Segelboot (unwichtig, ob unter Segeln oder Maschine) und 100 sm auf einem Motorboot. Zusammen also 600 sm. Im Vergleich dazu werden für den deutschen SKS für Motor- und Segelboote (inklusive International Certificate) nur 300 sm auf einem Segelboot verlangt. Im Fahrtbereich 3 sieht es noch viel schlimmer aus. Hier wurden bis zum vergangenen Jahr 1.000 sm als Erfahrungsnachweis verlangt. Jetzt müssen 1.500 zurückgelegte Seemeilen auf einem Segelboot und zusätzlich noch 900 sm auf einem Motorboot nachgewiesen werden. Und als ob das nicht schon mehr als genug wäre, muss ein Schlag mindestens 50 Stunden lang gewesen sein, bevor man zur Prüfung antreten kann. Das ist doch total unverhältnismäßig! Das gibt es in keinem anderen Land, nur in unserer schönen Alpenrepublik ohne Meerzugang.

Eine Erleichterung ist da wirklich nicht zu sehen. Aber wie sieht es mit den Prüfern aus? Hat sich da etwas zum Besseren gewendet?
Da braucht man eigentlich nur ein „Salzbuckel“ zu sein, also genug Seemeilen gesammelt haben, sonst nichts. Allerdings wird auch in diesem Bereich wesentlich mehr verlangt als bisher. Waren es vor einem Jahr noch 5.000 sm, so muss ein Prüfer für FB3 jetzt 10.000 sm auf einem Segelboot und 7.000 Seemeilen auf einem Motorboot zurückgelegt haben. In Deutschland muss ein Prüfer „geeignet und zuverlässig sein“ und die Prüfungsvorschriften kennen, in Österreich muss nur die Summe der Seemeilen stimmen.

Das hört sich nicht nach Fortschritt an.
Nein. Es sieht vielmehr so aus, als habe das Verkehrsministerium seinen Auftrag vollkommen missverstanden und mit einer gemeinsamen Prüfungsordnung auch gleich noch die Anforderungen maßlos überzogen.

Sieht es so aus oder ist es tatsächlich so?
Das viel zu hohe Anforderungsniveau liegt auf der Hand. Doch sieht es ganz so aus, als ob das Verkehrsministerium nicht selbst an der Ausarbeitung der „Yachtführung-Prüfungsordnung 2015“ beteiligt war. Jedenfalls bestreiten die Beamten der obersten Schifffahrtsbehörde, dass der absurde Kriterienkatalog auf ihrem Mist gewachsen sei. Es muss also Hintermänner gegeben haben, die entweder den Auftrag falsch verstanden haben, oder denen daran gelegen war, die Anforderungen so schamlos zu erhöhen.

Sie wissen also, wer …?
Ich weiß jedenfalls von Dokumenten, die es schon vor der Veröffentlichung der neuen Prüfungsordnung gab und an das Ministerium gingen. Es handelte sich dabei um eine Auflistung der erhöhten Anforderungen an Prüflinge und Prüfer, geschrieben von Peter Schnabl. Ich weiß allerdings nicht, ob Herr Schnabl diese Zusammenstellungen als Kompagnon des Herrn Gießler von der Segelschule Hofbauer oder als Mitglied der Wassersport Schulvereinigung Österreichs (WSVO) geschrieben hat. Außerdem gibt es vom Mai 2015 noch eine Praxis-Checkliste, die der Anlage 3b der Prüfungsordnung entspricht. Als Autor wird von Schnabl der Herr Fritz Pohle genannt.

Wie kommen Sie an diese Dokumente?
Herr Schnabl hat sie Anfang Mai 2015 an den MSVÖ geschickt mit der Frage, ob dieser damit einverstanden sei.

Klingt doch nach fairer Rücksprache …
Ja, aber der MSVÖ war mit der extremen Erhöhung der Prüfungsanforderungen in keinster Weise einverstanden – und dennoch sind die Dokumente ans Ministerium gegangen. Daraus kann man ja nur noch schließen, dass die Dokumente ohne Einverständnis des MSVÖ von Herrn Schnabls Schreibtisch aus ans Ministerium geschickt wurden – oder zumindest mit seiner Kenntnis.

Können Sie erklären, warum gerade diese Ausarbeitungen in die neue Prüfungsordnung übernommen wurden? Es sollen ja auch andere Vorschläge beim Ministerium eingegangen sein.
Für mich gibt es in dieser Sache zwei Indizien: Zum einen hatten die zuständigen Beamten kaum bis gar kein Mitspracherecht. Aus Äußerungen von Beamten mir gegenüber lässt sich nur vermuten, dass hier Einfluss von „oben“ genommen wurde. Zum anderen hat der ehemalige Bundeskanzler Werner Faymann 2014 seinen Segelschein bei der Segelschule Hofbauer gemacht. So ein Zufall – meinen Sie nicht?

Und wie geht es nun weiter? Gibt es Ihrer Meinung nach eine Möglichkeit, um das Prüfungswesen in Österreich wieder in richtige Bahnen zu lenken?
Ich möchte den neuen Bundesminister Jörg Leichtfried bitten, sich genau anzusehen, was da gelaufen ist. Denn diese Vorgänge haben dem österreichischen Yachtsport und seinem Ansehen im In- und Ausland sehr geschadet – und tun es noch immer. Dann müsste nachgebessert bzw. überhaupt eine neue Prüfungsordung erlassen werden, die dem ursprünglichen Ziel dient, den Österreicherinnen und Österreichern einen leichteren Zugang zu Yachtprüfung im Heimatland zu ermöglichen und dabei dem internationalen Standard zu entsprechen. Die überzogenen Anforderungen müssen wieder zurückgenommen werden, sonst wird niemand mehr in Österreich eine Prüfung für den Yachtsport ablegen und der Run auf das kroatische Küstenpatent und den deutschen Sportbootführerschein See wird eine noch nie dagewesene Renaissance erleben. Wir wollten von Anfang an genau das Gegenteil erreichen.

Herr Melwisch, vielen Dank
für das Gespräch.


 

Seiten (1): 1

Name Text
Mazak 10

Alles klar

Jetzt hat es sich bestätigt woher der Druck von oben gekommen ist.Mit Hilfe des Herrn BK - WF.!!

Kommentar melden | 29.10.2016 - 08:26:22

karl.florian

IC (International Certificate) in Österreich

Gibt's schon Zahlen über die 2016 ausgestellten IC's in Österreich? Eigentlich müssten es erheblich weniger geworden sein -im Vergleich zu 2015- , nach den unverhältnismäßig verschärften Anforderungen.
Das wäre ein klares Indiz, daß die die neue Prüfungs-Ordnung einen Schuss ins Knie darstellt.

Kommentar melden | 28.11.2016 - 11:06:19

Tahsin Özen

IC-Zahlen erst 2017

Leider gibt es aktuelle Zahlen erst ab Jänner 2017 – Bericht folgt!

Kommentar melden | 23.12.2016 - 11:03:32

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